OFFENBURG. Als echtes Jazz-Highlight hat sich die Berliner Sängerin Jessica Gall mit ihrer Band am vergangenen Samstagabend beim diesjährigen Jazz-Festival des Klavierhauses Labianca in Offenburg präsentiert. Bereits das vierte Jahr in Folge konnte Veranstalter und Klavierhausbetreiber Claudio Labianca seine Gäste nicht nur mit Getränken und kulinarischen Häppchen, sondern auch mit erstklassigem Jazz im Garten seines Offenburger Klavierhauses verwöhnen.Bilddarstellung

Nach Auftritten der afrikanisch-französischen Sängerin Cécile Verny und der Kölner Band Con Mucho Gusto am Donnerstag- und Freitagabend schloss die Sängerin Jessica Gall, die als eine der interessantesten neuen deutschen Stimmen gefeiert wird, die Reihe der Abendkonzerte mit Songs aus ihrem Debüt-Album "Just like you" ab.

Jessica Gall und Band zeigten wie das Kinderlied „Hänschen klein“

in eine anrührende Ballade über das Ende der Kindheit hinübergleiten kann. |

Foto: Peter Heck


Schon mit 14 Jahren entdeckte die 29-jährige Berlinerin ihre Liebe zum Gesang. Sie studierte Musik und Gesang an der "Hanns Eisler" Musikhochschule in Berlin, wo sie auch Bene Aperdannier kennenlernte, mit dem sie seit zehn Jahren gemeinsam Musik schreibt und macht. Während Pianist Aperdannier aus der Jazz-Richtung stammt, kommt Jessica Gall, wie sie selber sagt, "eher aus der Pop-Ecke". Daraus entsteht eine wunderbare Mischung aus Jazz und Pop, die Laune macht und unter die Haut geht. Wie etwa bei der jazzig verlangsamten Cover-Version des The Clash-Hits "Should I stay or should I go". Durch minimalistische Arrangements und die wunderbare Stimme der Sängerin wird aus dem rockigen Punk-Hit eine melancholische Ballade, aus Frust und Rebellion wird tiefe Traurigkeit und Sehnsucht.

Während bei Bene Aperdannier eher der musikalische Anreiz im Vordergrund steht – "ich wollte aus einer Punknummer mal etwas ganz anderes machen" – interessieren Jessica Gall eher die Inhalte. Das Resultat ist verblüffend.

Als die Sängerin zum Abschluss "Hänschen klein", als eine rührende Ballade über das Erwachsenwerden anstimmt, reagiert das Publikum erst amüsiert dann zunehmend bewegt.

Komplettiert wird die Band durch Jo Ambros an der Gitarre, Edward Maclean am Bass und Martell Geigang am Schlagzeug. Die bald sinnlich-melancholische, bald poppig-rythmische Mischung aus eingängigen Cover-Versionen und Eigenkompositionen hat dem Publikum offensichtlich gefallen – die mitgebrachten CDs waren am Ende des Abends vergriffen.

Badische Zeitung, 07.07.2009 - Carola Bruhier


Faszinierend, dieser Abend

OFFENBURG (rob). Der Abend hätte stimmiger nicht sein können. Eine gereifte, entspannte,
hochintensive Cecile Verny eröffnete am Donnerstag bei sehr gutem Besuch das diesjährige
Jazz-Highlight im stimmungsvollen Garten des Klavierhauses Labianca. Für etwa zwei Stunden schien das Cecile Verny Quartett die Atmosphäre dessen vollkommen aufzusaugen und zu transformieren – gedämpfte Lichter und Gespräche, die Silhouette der herrlich gewachsenen Blutbuche, die edlen Weine, die stillen Ecken. Dazu diese Musik in angenehmer Lautstärke, teils leise gar.

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Zum Beispiel "I would", ein Abschiedslied, besser: ein Resümee. Für einen Moment tragische
Akkorde, die sich sofort öffnen, ins Weite zielen und zurückkommen als kleine Streiflichter.
Es ist kaum zu fassen, wie Pianist Andreas Erchinger solche Stimmungen zaubern kann. Man hat immer das Gefühl, jetzt, in diesem Augenblick, entstünde die Musik. "I could dance for you – Ich würde für dich tanzen, könnt’ ich dir dadurch nahe kommen. Ich würde auch um dich weinen, doch die Tränen sind aufgebraucht …" Verny singt das halblaut, wunderbar dunkles Timbre, weiche Modulation.
Da ist Bedauern und Schmerz, und zugleich der Blick auf den Horizont.
Bernd Heitzlers Bass summt die Melodie leise nach, Torsten Krills Schlagzeugspiel ist wie zufälliges Klappern und schafft doch einen sanften Groove. Ganz anders und von gleicher schwebender Sinnlichkeit: "I will give my love an apple", eine Swingnummer.
Verny beschreibt eine ausgelassene Liebe, scattet verspielt, ein wenig aufgedreht, zu einem atemlos-fröhlichen Bass-Schlagzeug-Puls, gibt das Solo an Erchinger ab, und der – bremst das Ganze, fährt das Tempo innerhalb eines Taktes runter auf Ballade, hält aber die Stimmung leicht und unbeschwert. Zieht dann das Tempo wieder an, mit ostinatem Off-Beat in der linken Hand, immer die gleiche Figur, die andere Hand zerstreut Akkorde, elegant, sparsam. Dann zieht er einen Boogie-Rhythmus drunter, verspielt, aber rollend.

Steigert alles – und plötzlich macht es Peng! Silbrige Kaskaden schießen davon. Was immer
fasziniert, ist das feine, elastische Geflecht zwischen den vier Musikern. Es war ein Jazzabend, der für das abgenutzte Geswinge aktueller sogenannter junger Jazzstars im Pop-Radio fett entschädigte.
Gestern gab es bei Labianca dann Latinjazz mit "Con mucho gusto". Ein Glanzlicht wird heute, ab 20 Uhr, Jessica Gall.

Badische Zeitung, 04.07.2009 - Robert Uhlmann